Alleinstellungsmerkmal Direktvermarktung: der Strom von nebenan

Regionalität spielt für die Albwerk-Gruppe in Geislingen an der Steige seit jeher eine zentrale Rolle. Denn die Dachgesellschaft ist als Genossenschaft ihren mehr als 1.300 Mitgliedern hier in besonderer Weise verpflichtet. Die Direktvermarktung ist für ihre Energieversorgungstochterdeswegen nicht nur Pflichtübung, sondern eine Chance, die regionale Stellung weiter zu stärken. Das dazu nötige IT-Instrumentarium stammt vom langjährigen Partner, der Wilken Software Group.

Dieser Artikel ist auch in der Fachzeitschrift stadt+werk Ausgabe 09-10/2021 erschienen

Mit der Direktvermarktung setzt sich das Albwerk schon seit 2018 auseinander. „Nachdem das Auslaufen der EEG-Förderung für die ersten Anlagen in diesem Jahr damals bereits absehbar war, wollten wir die Chance nutzen, uns mit ausreichend Vorlauf darauf vorzubereiten. Denn es ist ja nicht so, dass man einfach den Hebel umlegen und dann direkt damit loslegen kann“, beschreibt Christian Dittmann, Leiter Neue Produkte / Energiedienstleistungen beim Albwerk , die Ausgangssituation. Deswegen nahm er auch frühzeitig Kontakt zum Softwarelieferanten Wilken auf. „Wir hatten uns schon in den Jahren zuvor mit dem Thema ‚Direktvermarktung‘ auseinandergesetzt. Aber vor dem Hintergrund dieses Paradigmenwechsels – weg von der ausschließlichen Vermarktung von Großanlagen hin zu den kleinen Erzeugern im Verteilnetz – kam die Anfrage von Albwerk für uns exakt zum richtigen Zeitpunkt“, erklärt Tobias Mann, Leiter Beratung und Projekte, bei der Wilken Software Group. Aus diesem Grund fiel die Entscheidung, das Projekt im Rahmen einer Pilotpartnerschaft voranzutreiben.

Regionalstrom aus Post-EEG-Aklagen

Vom Start weg war klar, dass es beim Projekt „Direktvermarktung“ nicht nur um die Umsetzung des Marktprämienmodells und die Einbeziehung aller Erneuerbaren Erzeugungsanlagen ab 100 KW gehen sollte. Vielmehr galt es, das Thema nachhaltig in die regionale Strategie des Albwerks einzubinden. „Wir haben in der Region eine große Zahl von kleineren PV-Anlagen, von denen ein nennenswerter Anteil von der Post-EEG-Problematik betroffen ist. Gleichzeitig gehen bei uns auch immer mehr Anfragen sowohl von Privatpersonen als auch von Gewerbetreibenden ein, die sich für die Themen Eigenerzeugung und Direktvermarktung interessieren“, berichtet Christian Dittmann. Deswegen lag es nahe, ein neues Produkt zu konzipieren, das „echten“ Regionalstrom bietet. „Mit der Direktvermarktung bietet sich erstmals die Chance, tatsächlich ‚Öko-Strom von hier‘ zu vermarkten, quasi aus der PV-Anlage von nebenan. Als Regionalversoger gibt uns gegenüber den bundesweit agierenden Lieferanten und Direktvermarktern ein Alleinstellungsmerkmal, das man uns nur schwer nehmen kann“, erklärt Dittmann. Dazu kommt, dass das Albwerk die komplette Wertschöpfungskette anbietet. Neben dem Stromvertrieb und dem Netzbetrieb ist die Gruppe auch im Elektroeinzelhandel aktiv und deckt über die Tochter Albwerk Elektro- und Kommunikationstechnik GmbH auch die Installationsseite ab. „Damit haben wir anders als andere Versorgungsunternehmen die Wertschöpfungskette in der eigenen Hand. Das bedeutet, wir können die PV-Anlage nicht nur liefern und installieren, sondern bieten eine Komplettlösung: von der Beratung über die Umsetzung bis zum Betrieb und der Vermarktung einer Anlage“, so Christian Dittmann weiter. Er erwartet, dass die Nachfrage nach solchen ganzheitlichen Angeboten steigen wird. Ein Treiber wird nicht zuletzt die PV-Pflicht für alle Neubauten sein, wie sie im Koalitionsvertrag der neuen grün-schwarzen Regierung in Baden-Württemberg festgeschrieben ist. „Ob Gewerbe oder Prosumer: Die Motivation, sich aktiv im Zuge der Energiewende zu engagieren, hat schon in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Wir rechnen damit, dass sich das weiter fortsetzen wird. Mit unserer Positionierung treffen wir somit eine ständig wachsende Zielgruppe – und dies mit glaubwürdigen, transparenten und nachvollziehbaren Angeboten“, betont Christian Dittmann. Auch die Vermarktung von Flexibilitätsoptionen spielt in diesem Kontext eine treibende Rolle „Für all dies benötigen wir die Fähigkeit, sämtliche Prozesse in beiden Richtungen zu beherrschen, sowohl für den Bezug als auch die Einspeisung elektrischer Energie.“

Windräder auf der Schwäbischen Alb

Energiewende als digitale Herausforderung

„Die Digitalisierung der Energiewende ist ein sehr dynamischer Prozess, der sowohl einem Softwarehersteller wie Wilken als auch einem Anwender wie uns viel abverlangt. Man denke nur an den Redispatch 2.0: Ein Prozess, der früher ausschließlich für Übertragungsnetzbetreiber relevant war, dieses Jahr aber durchgängig in der Verteilnetzebene anzuwenden ist“, so Dittmann. Der Ansatz von Wilken, die Prozesse eines Versorgers in seinen unterschiedlichen Marktrollen sowohl in der Breite als auch in der Tiefe möglichst umfassend abzudecken, ist für ihn ebenfalls ein Vorteil. „Mit der Energiewende kommen immer neue Themen auf uns zu, von der E-Mobilität bis hin zur energetischen Quartiersentwicklung. Hier benötigen wir einen verlässlichen Partner, der mit seinen Produkten immer Lösungen für die aufkommenden Herausforderungen bietet.“

Direktvermarktung benötigt flexible Prozesse

Im derzeitigen Projekt kommt es vor allem auf eine effiziente und weitgehend automatisierte Abwicklung der zentralen Prozesse an. Dabei stehen vor allem die Marktprozesse für erzeugende Marktlokationen-Strom (MPES) im Fokus, sprich die Anmeldung der jeweiligen Anlage beim Netz- und beim Messstellenbetreiber, die Erfassung und Übermittlung des Lieferbeginns und die Abwicklung der damit zusammenhängenden Marktprozesse. „Je mehr kleine Anlagen in die Direktvermarktung kommen, desto wichtiger ist es, dass dieser Prozess so einfach und reibungslos wie möglich abgebildet ist. Bei Wilken haben wir die MPES bereits weitgehend optimiert, weitergehende Anwendungen wie etwa die Abrechnung sind für die Logik der Direktvermarktung ebenfalls schon vorbereitet. Die entsprechenden Produkte und Einstellungen, etwa für die Vergütungswerte, lassen sich meist global einrichten“, beschreibt Christian Dittmann.

Für die kommenden Herausforderungen im Kontext Direktvermarktung sieht er sich gut aufgestellt. Innerhalb der Albwerk-Gruppe wird die Direktvermarktung zum Teil bereits als Dienstleistung weitere Energieversorger erbracht. Ziel ist es diesen Ansatz weiter auszuweiten. Darüber hinaus kann sich Christian Dittmann aber durchaus vorstellen, weitere Zielgruppen wie etwa Energiegenossenschaften zu bedienen. „Das Schöne an dem Thema ist, dass es für alle Teilnehmer absolut positiv besetzt ist – für unsere Kunden ebenso wie für unsere Mitarbeiter. Denn für niemanden ist das eine bloße Pflichtübung. Es ist die Chance, aktiv und wirkungsvoll zum Gelingen der Energiewende beizutragen.“

Kommentare

0 Personen haben diesen beitrag kommentiert

Meinungen

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.