BWK Special November 2018

Die Digitalisierung muss vor Ort erfolgen

Zwölf Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer hat die Fachzeitschrift BWK für das Special zum Situation der Energiewirtschaft in Deutschland befragt. Unter Ihnen Folkert Wilken, der Geschäftsführer de Wilken Software Group. Seine Stellungnahme wurde nun in der BWK-Novemberausgabe 2018 veröffentlicht:

Die Digitalisierung muss vor Ort erfolgen

In der deutschen Energiewirtschaft sieht es derzeit vielfach so aus wie in der deutschen Politik: Es herrscht Stillstand und es ist das Gefühl für das verloren gegangen, was die Menschen wirklich bewegt. Mit dem RWE-E.on-Innogy-Deal werden alte Machtzentren neu aufgebaut, im Hambacher Forst entbrennt eine symbolische Schlacht um eine schädliche und längst überflüssige Form der Energieerzeugung und der Start des Smart-Meter-Rollouts verzögert sich weiter und weiter – und damit auch die „Digitalisierung der Energiewende“ im formulierten Sinne des Gesetzgebers. Ob und wann die wieder richtig Fahrt aufnimmt, ist derzeit völlig unklar.

Glücklicherweise hat letzteres mit dem Thema „Digitalisierung“ an sich nicht viel zu tun. Zwar wird dieser Begriff vielerorts immer noch eher als leere Worthülse verwendet. Doch mehr und mehr Versorgungsunternehmen erkennen die Chancen, die die Digitalisierung ihnen bietet. Nicht, weil es das alles durchdringende Modethema ist, das durch sämtliche Branchen geistert. Sondern, weil es der nächste logische Schritt in der Entwicklung eines Stadtwerks ist.

Stadtwerk als Partner vor Ort

Was sind die traditionellen Stärken des Stadtwerks? Es ist vor Ort, kennt die lokalen Gegebenheiten, ist in der Regel ein vertrauenswürdiger Ansprechpartner und sorgt für eine funktionierende Versorgungsinfrastruktur, ob es sich dabei nun um Strom-, Gas-, Wasser-, Wärme oder auch Verkehrsnetze handelt. Diese müssen gelegt, gewartet und ab und zu modernisiert werden. Auch die digitale Infrastruktur basiert zunächst einmal auf einem Netz. Logischerweise gibt es deswegen immer mehr Stadtwerke, die dieses Netz nicht irgendeinem anonymen Telekommunikationskonzern überlassen wollen, sondern selbst im Breitbandausbau aktiv werden. Dabei haben sie einen entscheidenden Vorteil: Sie können nicht nur mit Produkten und Preisen punkten, sie bieten einen echten Mehrwert. Denn die Stadt der Zukunft wird über kurz oder lang intelligent werden. Beispiele wie die spanischen Städte Santander oder Gijon zeichnen den Weg vor: Die Kommunen werden digital. Die Mülltonne meldet sich selbst, wenn sie voll ist und geleert werden will. Mithilfe von Bürgerkarten werden nicht nur Behördengänge ins Netz verlagert. Auch die Beteiligung der Bürger an Entscheidungsprozessen wird deutlich einfacher und transparenter. Oder die Straßenlaterne dimmt sich selbst, wenn ihr Licht nicht gebraucht wird. Wenn die Kommunen diesen Prozess aktiv gestalten und dabei die Kontrolle behalten wollen, wird das Stadtwerk zum Partner der Wahl. Es übernimmt damit eine weitere lokale Versorgungsaufgabe und wird so zum „digitalen Versorgungsunternehmen“.

Regionale Mehrwerte

Auf Basis der digitalen Infrastruktur lassen sich dann endlich die vielbeschworenen aber selten genauer beschriebenen Mehrwertangebote aufbauen, mit denen die Stadtwerke künftig ihr Geld verdienen müssen. Über LORA-WANs werden beliebig Sensoren angesteuert und ausgewertet – mit riesigen Chancen für die Parkraumbewirtschaftung oder die Verkehrssteuerung. Die Smart-Meter-Gateways bieten (hoffentlich bald) eine sichere Schnittstelle zum Endkunden und damit viele Möglichkeiten zur aktiven Steuerung von Erzeugern und Verbrauchern. Die Verbrauchsdaten liefern wiederum die Basis für neue Dienstleistungen im Bereich des Smart Living. Es können Wärmepumpen überwacht, Sicherheitsservices angeboten oder das individuelle Verbrauchsverhalten netzdienlich gesteuert werden – beispielsweise im Bereich der Elektromobilität. Und damit sind wir auch schon wieder beim Thema Energiewende: Denn um die Netze auch in Zukunft stabil steuern zu können, müssen die sogenannten Flexibilitäten optimal genutzt werden. Ob bei der Elektromobilität, über Mieterstrom-Modelle, über den Aufbau von Virtuellen Kraftwerken oder gar der Nutzung der lange verteufelten Nachtspeicherheizungen als „Zwischenlager“ für Überschüsse aus der regenerativen Erzeugung. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten.

Auch wenn im Moment der Eindruck des Stillstands bei der Energiewende überwiegt, bietet die Digitalisierung also zahlreiche Möglichkeiten, sich unabhängig von der „großen Politik“ in Bewegung zu setzen und seine Claims schon jetzt abzustecken. Einige Stadtwerke haben das erkannt und sind bereits in der Offensive.

Titelblatt

Titelseite der BWK 11/2018

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