Mehr Mut zu Entscheidungen

Greta Thunberg hat Recht! Das weiß auch die Politik (von ein paar Unbelehrbaren einmal abgesehen). Was sie fordert, liegt schon seit Jahren ganz offensichtlich auf der Hand: Wir müssen den Schalter umlegen und unsere Treibhausgasemissionen drastisch zurückfahren. Doch was tut die Politik? Sie übt sich weiter in der Kunst des vorauseilenden Kompromisses: Keinem darf es schlechter gehen, niemand darf für seinen Energieverbrauch mehr bezahlen, der Strukturwandel im Zuge der Dekarbonisierung muss ganz sachte vorangehen und darf möglichst keine Arbeitsplätze kosten – alles aus Angst, dass der jeweils regierenden Partei die Wähler verloren gehen. Das erinnert mich an die drei Affen, die nichts hören und nichts sehen wollen – und ja kein lautes Wort! Derweil sind die Wähler längst massiv auf der Wanderschaft, wie man an den Erfolgen von AfD und Grünen deutlich sieht. Und sie werden auch nicht zurückkommen, nur weil man krampfhaft zu vermeiden sucht, sie mit unpopulären Maßnahmen zu verschrecken.

Statt Klimagipfeln und -kabinetten brauchen wir jetzt einen Masterplan für den konsequenten Umbau unseres Energiesystems. Es ist im Prinzip ja nicht schwierig: Der Verbrauch fossiler Energiequellen muss deutlich teurer werden, der Kohleausstieg forciert, die dezentrale Energieversorgung weiter ausgebaut und die Mobilität konsequent elektrifiziert werden. Das kostet Geld, doch wenn man die Kosten gegenüberstellt, die der Klimawandel schon jetzt verursacht und weiter verursachen wird, ist das eine absolut sinnvolle Investition. Dabei ist es auch unerheblich, ab wie vielen Kilometern ein Elektrofahrzeug klimafreundlicher ist als ein Diesel. Die batteriebetriebene Mobilität ist erst der Anfang einer technologischen Entwicklung, die mit der Marktreife der Brennstoffzelle längst nicht abgeschlossen sein wird. Auch die ersten Windräder und Photovoltaik-Anlagen waren verglichen mit heutigen Standards hoffnungslos ineffizient.

Das Stadtwerk als Motor der Digitalisierung

Heute können wir vielerorts die Erzeugung direkt mit dem Verbrauch koppeln und auch die zunehmende Sektorkonvergenz kann ihren Teil zum effizienteren Umgang mit Energie beitragen. Das Stadtwerk spielt dabei eine Schlüsselrolle. Und der digitale Werkzeugkasten für den Aufbau neuer, klimaschützender Geschäftsmodelle steht auch schon bereit. Dabei müssen wir über den eigenen Tellerrand hinausdenken.

Mit den neuen Sensornetzwerken stehen Technologien zur Verfügung, über die wir alle möglichen Messwerte ohne großen Aufwand übertragen können. Warum also nicht diese Datensammler einsetzen und in die bestehenden Abläufe einbetten, etwa in die Prozesse der Gateway-Administration, in das ERP-System und die Abrechnung. Damit wird plötzlich nicht nur der Stromverbrauch transparent, sondern beispielsweise auch die Heizkosten oder der Warmwasserverbrauch. Mithilfe des Submeterings können Stadtwerke den kompletten Ablese- und Abrechnungsprozess bei den Heiz- und Nebenkosten abdecken und damit neue Geschäftsfelder erschließen. Gleichzeitig ist über das angebundene Webportal direkt nachvollziehbar, welche Maßnahmen dazu beitragen, den CO2-Ausstoß zu senken. Integriere ich nicht nur die Privathaushalte, sondern auch öffentliche Gebäude oder Schulen, kann ich über Belohnungssysteme den Klimaschutz direkt fördern. Dazu kommen Versorgungskonzepte wie Mieter- und Quartierstrom. Dezentral erzeugte, gespeicherte und verbrauchte Energie entlastet die Netze und ersetzt die mit fossilen Energieträgern gefütterten Großkraftwerke. Aber auch die Smart City basiert zu einem guten Teil auf den neuen Netzwerken: Park- und Verkehrssensoren tragen dazu bei, den Verkehrsfluss intelligent zu steuern und unnötigen Parkplatzsuchverkehr zu vermeiden. Integriert man diese Informationen in die lokale Tourismus-App, nimmt gleichzeitig die Attraktivität für den Fremdenverkehr zu. Auch in der Wasserversorgung können Sensoren dabei unterstützen Leckagen genauer zu lokalisieren und so die Kosten senken und Wasserverluste minimieren helfen. Im Haus können Sensoren zur Durchflussdetektion gekoppelt mit einem Ventil im Leitungswassernetz Großschadensereignisse verhindern. Dies sind nur ein paar Beispiele dafür, was die Digitalisierung möglich macht. Und es sind Themen, mit denen wir uns bei Wilken aktuell beschäftigen und für die wir Lösungen bereits im Portfolio haben. Die Digitalisierung eröffnet also zahlreiche Chancen, neue Geschäftsmodelle aufzubauen, die gleichzeitig dazu beitragen, auch den Klimaschutz voranzubringen. Damit wird der Aufbau und Betrieb von digitalen Infrastrukturen immer mehr zum Teil der kommunalen Daseinsvorsorge betrachtet, wie die Strom-, Gas- oder Wasserversorgung – und damit zu einem natürlichen Betätigungsfeld für Stadtwerke.

Gemeinsam mehr erreichen

Um alle Chancen der Digitalisierung zu erschließen, sind kooperative Ansätze nötig: Kompetenzen können so gebündelt und die Ergebnisse der Entwicklungen geteilt werden. Nicht zuletzt deswegen setzen wir bei der Wilken Software Group die enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden, beispielsweise im Rahmen der Stadtwerkekooperation KIK-S und der Partnerschaft mit regio iT, mit der VU-Arge oder den Kooperationsgesellschaften Tremondi und Wilken PRO. Indem wir die digitalen Werkzeuge für die Smart City entwickeln und bereitstellen, können wir so gemeinsam unseren Beitrag zum Klimaschutz vor Ort leisten.

Damit wir flächendeckend Erfolg haben, brauchen wir aber auch eine mutigere Politik, die keine Angst vor grundlegenden Entscheidungen hat und den Stadtwerken ausreichend Spielraum für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle lässt, statt sie mit immer neuen Regulierungsvorgaben zu beschäftigen. Ich bin überzeugt, dass auch die Wähler eine solche Politik honorieren würden.

Die Kurzversion dieser Stellungnahme erschien am 2. Oktober 2019 in der Zeitschrift BWK 10/2019 in der Rubrik „Entscheider nehmen Stellung“.

Das Foto entstand bei Fridays for Future am 20. September 2019 auf dem Ulmer Marktplatz, Quelle: Press’n’Relations GmbH

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