Wann poppt der Mais?

Was Popcorn mit der Digitalisierung zu tun hat

Beim diesjährigen Branchentreffen Versorgungswirtschaft in Fulda stand der erste Tag ganz im Zeichen der Digitalisierung. Nachdem ich gelernt hatte, wie man um eine Türklingel herum ein digitales Geschäftsmodell aufbauen kann, durfte ich das Wilken Smart City Lab vorstellen. Einem Vortrag zur Smart-Meter-Gateway-Administrations-Lösung aus dem Hause Wilken folgte ein toller Insight von den Stadtwerken Konstanz zu deren Projekt „360° Stadtwerke Ökosystem“. Was allen Vorträgen gemein war: Es wurden Herausforderungen der Digitalisierung thematisiert. Und im Kern wurde klar, dass diese Herausforderungen bei aller Technologie nur mit Menschen gemeistert werden können. Dies bringt mich zur Keynote von Lars Thomsen, die das Ende der Vortragsreihe am ersten Tag markierte, in der der selbsternannte Chief Futurist nicht nur einen Blick in die Glaskugel warf, sondern eben auch über Menschen und deren Tauglichkeit, in die Zukunft zu denken, referierte.

Einstellungsgespräch am Kochtopf

Da er als Zukunftsforscher Menschen braucht, die Zukunft denken können, kann es schon einmal passieren, dass ein Interessant am Kochtopf die Frage beantworten muss, wann der Mais poppt. Die Fähigkeit, aufgrund von Beobachtung und unter der Zuhilfenahme des verfügbaren Weltwissens aus der Hosentasche eine sehr exakte Vorhersage der Zukunft machen zu können, ist für Thomsen Einstellungskriterium. Wahrscheinlich ist dies aber auch ein erfolgskritischer Faktor bei der Suche nach Menschen, die die Herausforderungen der Digitalisierung meistern sollen. Denn wenn man weiß, dass Mais bei 180°C poppt und sich die Temperatur im Topf linear um 0,9°C pro Sekunde erhöht, so ist es ein leichtes, den Zeitpunkt vorherzusagen, zu dem es im Kochtopf hoch her geht – exakt nach 3 Minuten und 20 Sekunden.

Tipping Points der Digitalisierung

Im Herstellungsprozess von Popcorn ist 180°C also der Tipping Point. Denn nicht jedes einzelne Maiskorn benötigt 3:20 Minuten. Ist die Temperatur erreicht, kann es schnell gehen. Bei disruptiven Innovationen sehen wir ein ähnliches Phänomen. Lange Zeit tut sich wenig und dann rollt die Lawine los. Oft sind es digitale Geschäftsmodelle, die bisherige Geschäftsmodelle substituieren: Brockhaus vs. Wikipedia, Videothek vs. Netflix u.v.m. Bei allen Beispielen wird schnell klar, dass immer ein Tipping Point exisitert hat. Sei es die Verfügbarkeit des Internets oder genügend Bandbreite für Streaming-Dienste. Unternehmen haben in der heutigen Zeit die spannende Herausforderung die für sie relevanten Tipping Points der Zukunft zu prognostizieren und sich darauf vorzubereiten, um nicht selbst von einem solchen Tipping Point überrascht und substituiert zu werden. Auf was müssen wir uns also in den nächsten Jahren einstellen?

Das Ende der Dummheit

Der nächste Tipping Point in der Digitalisierung wird für das Jahr 2022 prognostiziert. Dann wird jeder von uns einen persönlichen digitalen Assistenten nutzen, der Routinetätigkeiten in der täglichen Organisation des Alltags übernimmt. Bis dahin wird die Technologie und vor allem die Datenbasis verfügbar sein, um für den Nutzer nutzenbringende Assistenz-Dienste anbieten zu können. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Dienst benutzt wird, sobald er praktisch ist und entsprechend Nutzen stiftet.

Humanoide Roboter

Ein weitere Tipping Point im Bereich Assistenzsysteme wird in der Robotic auf uns zu kommen. Wenn nämlich ein humanoider Roboter für unter 20 TEUR angeboten wird, lassen sich Geschäftsmodelle rechnen. Warum ist das so? Eine Maschine die 20 TEUR kostet, lässt sich für 199 Euro im Monat leasen (siehe KFZ). Für 199 Euro im Monat 80% der Routinetätigkeiten im Haushalt erledigen zu lassen, bedeutet für die eigene Haushaltshilfe rechnerisch einen Stundenlohn von 3,32 Euro aufbringen zu müssen (bei 2 Stunden Hausarbeit am Tag). Technologisch ist das schon kein Problem und die Preisgrenze dürfte in den Jahren 2025 bis 2027 fallen.

Dezentrale Energieerzeugung

Ein Preis für stationäre Batteriespeicher unter 120 USD / kWh, könnte ein Tipping Point für Netzbetreiber und Stromerzeuger werden. Dann werden sogenannte Smart Grids interessant, in denen Verbraucher, Erzeuger und Speicher intelligent verbunden sind. Nun soll der Batteriepreis bei Speichern für Elektrofahrzeuge bereits 2020 auf unter 120 USD / kWh fallen. Für stationäre Speichersysteme könnte diese „magische“ Grenze noch vor 2030 durchbrochen werden.

Autonome Elektromobilität

Bei 5 bis 8 Cent pro Kilometer für autonome Mobilität wird die Luft für ÖPNV und Taxiunternehmen langsam dünn. Dass dafür zunächst die regulatorischen Rahmenbedingungen für autonomes Fahren geschaffen werden müssen, ist klar. Aber die Entwicklung hin zu autonomer Mobilität wird nicht mehr aufzuhalten sein. Bei einem 10 Kilometer Ende-zu-Ende-Transport für 0,50 Euro lohnt sich ein eigenes Fahrzeug nur noch für Vielfahrer. Dann könnte das Ende des Zweitwagens bevorstehen.

Vertical Farming

Ein weiterer Tipping Point wird die Lebensmittelindustrie treffen. Aktuell laufen einige höchst bewertete Projekte jenseits des großen Teichs zum Thema „vertical farming“. Das Motto hierbei: Lebensmittel dort produzieren, wo sie gebraucht werden. Dabei sollen Obst und Gemüse in Bio-Qualität zum Preis von konventioneller Herstellung produziert werden – vollautomatisiert und auf kleinsten Flächen. Selbst für Labor-Fleisch wird es Akzeptanz geben, sobald der Preis von Fleisch aus konventioneller Massentierhaltung erreicht wird.

Kollaboration

Schaut man sich die Tipping Points der Digitalisierung nun an, so können Energieversorger eigentlich beruhigt in die Zukunft blicken, werden doch für alle Technologien vor allem Energie benötigt. Zudem wird sich in verschiedensten Bereichen die Arbeitswelt radikal verändern. Menschen werden Wertegemeinschaften beitreten um etwas zu bewegen. Firmen werden die Herausforderungen der Digitalisierung nur durch Kooperation bewältigen können. Wie hat es bereits Henry Ford († 07.04.1947) formuliert: „Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ein Erfolg.“ In diesem Sinne freue ich mich schon auf das nächste Branchentreffen.

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